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Netzentgelte bei Geringverbrauchern höher als EEG-Umlage

Fast schon mit einer gewissen Regelmäßigkeit bewegt der Themenkomplex von Netzentgeltgestaltung und Festlegung der Erlösobergrenzen durch die Regulierungsbehörden die Energiebranche. Wenige Wochen vor Ankündigung der gesetzlichen Umlagen und vorläufigen Entgelte für 2019 greift der Berliner Thinktank Agora Energiewende das Thema mit seiner „Blackbox“-Kurzstudie erneut auf.

Die juristische Analyse attestiert der „Energienetzregulierung in Deutschland […] ein grundlegendes Transparenzproblem“ und bemängelt, dass „das Zustandekommen der Netzentgeltentscheidungen eine Blackbox“ sei. Insbesondere fällt darin die Prognose auf, „dass die Netzentgelte bald zum größten Kostenblock der Stromrechnung werden könnten.“ Als größter Preisbestandteil wird für 2018 die EEG-Umlage ausgemacht.

Ein Blick in die ene't Datenbank Netznutzung Strom zeigt anhand von Beispielen im SLP-Bereich das tatsächliche Verhältnis der beiden Kostenblöcke Netzentgelte und EEG-Umlage, die oft als eigentlicher Treiber von Strompreissteigerungen angeführt wird.

Am Beispiel eines Familien-Haushalts mit einem Jahresverbrauch von 4.000 kWh lässt sich beobachten, dass der spezifische Arbeitspreis der Netzentgelte aktuell in 5.203 von 15.227 untersuchten Postleitzahl-Ort-Netz-Kombinationen unter dem Wert der EEG-Umlage mit derzeit 6,792 ct/kWh liegt. Das entspricht nur 34,2 Prozent der versorgten Postorte. Im Umkehrschluss übersteigen die Netzkosten die EEG-Umlage bereits in fast zwei Dritteln für den hier betrachteten Haushaltskundenfall.

Stromkunden im Netzgebiet der Stadtwerke Lehrte (Niedersachsen) profitieren bei einem spezifischen Arbeitspreis von 4,15 ct/kWh von den niedrigsten Kosten. Ähnlich günstig fallen die Abrechnungen vieler süddeutscher Abnehmer in den Netzgebieten der Regionalwerk Bodensee Netze, Stadtwerke Metzingen, TWS Netz (jeweils Baden-Württemberg), Aschaffenburger Versorgungs-GmbH (Bayern), aber auch der wesernetz Bremen aus. Überall dort liegen die Kosten unter 4,5 Cent je durchgeleiteter Kilowattstunde.

Besonders hohe Netznutzungsentgelte finden Stromabnehmer dagegen in zahlreichen ostdeutschen Kommunen im Anschlussgebiet der WEMAG Netz (Mecklenburg-Vorpommern) auf ihrer Stromrechnung. Mit 10,57 ct/kWh übersteigen die Durchleitungspreise die EEG-Umlage deutlich. Höhere Tarife finden sich nur noch in vereinzelten Arealnetzen. In insgesamt 1.643 Postorten liegt der spezifische Arbeitspreis der Netzentgelte um mehr als 3 ct/kWh höher als die EEG-Umlage, darunter größtenteils in Kommunen im Gebiet der Schleswig-Holstein Netz. Haushalte im Westen sind eher geringer belastet als beispielsweise im Nordosten oder Südwesten der Republik, was nicht zuletzt aus den unterschiedlichen vorgelagerten Entgelten der einzelnen Regelzonen resultiert. Im nach Postorten gewichteten Durchschnitt der oben erwähnten zwei Drittel liegen die Netzentgelte um 1,38 ct/kWh über der EEG-Umlage; im bundesweiten Mittel um 0,74 ct/kWh für diesen Abnahmefall.

Newsletter NNS 104 - Differenz zwischen NNE und EEG 4000 kWh

Differenz aus spezifischem Netznutzungsentgelt und EEG-Umlage in ct/kWh
Abnahmefall Familien-Haushalt, 4.000 kWh Jahresverbrauch

Die Menge des aus dem Netz entnommenen Stroms spielt dabei eine entscheidende Rolle. Für einen Gewerbebetrieb mit einem Jahresverbrauch von 40.000 kWh beispielsweise fallen im Bundesdurchschnitt sogar 0,74 ct/kWh weniger Entgelt als die EEG-Umlage an. In nur etwas mehr als einem Viertel der Postorte (26,3 Prozent) liegt die Umlage unter den lokalen Netzentgelten. Die Spannbreite liegt dabei zwischen spezifischen Arbeitspreisen von 2,84 (Stromnetzgesellschaft Hechingen, Baden-Württemberg) und 9,58 ct/kWh (Gemeindewerke Glattbach, Bayern).

Gänzlich anders stellt sich das Verhältnis bei geringem Verbrauch dar. Ein Single-Haushalt mit 1.500 kWh Jahresbedarf findet in fast 99 Prozent der bundesdeutschen Postorte die Netznutzung als größten Fremdkostenbestandteil auf seiner Stromrechnung. Ursachen dafür sind der Grundpreis der Netznutzung und die Messkosten, die sich bei geringem Verbrauch beide stärker auf den spezifischen Arbeitspreis auswirken. Spitzenreiter ist das bereits erwähnte WEMAG-Netzgebiet, in dem 14,27 ct/kWh für die Netznutzung berechnet werden. Mit unter 6 ct/kWh vergleichsweise günstig sind die Entgelte für Geringverbraucher in den Netzgebieten der RW Bodensee Netze, Bonn-Netz, TWS Netz, Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim (Baden-Württemberg), Stadtwerke Rostock und weiterer kleiner Stadtwerke.

Newsletter NNS 104 - Netznutzungsentgelte 2018 1500 kWh

Netznutzungsentgelte 2018 in ct/kWh
Abnahmefall Single-Haushalt, 1.500 ct/kWh Jahresverbrauch

Die ermittelten Zahlen zeigen, dass der Stellenwert der Netzentgelte als Preisbestandteil stark abhängig vom Verbrauch ist. Die Auswertung kann zwar keine Aussagen über den RLM-Bereich treffen, wo gegebenenfalls noch individuelle Netzentgelte oder eine Befreiung von der EEG-Umlage ins Spiel kommen.

Doch bei geringen Verbräuchen im SLP-Bereich hat die Realität die Agora-Prognose bereits eingeholt:

AbnahmefallNNE größter Kostenbestandteil
Haushalt, 1.500 kWh 98,6 % der Postorte
Haushalt, 4.000 kWh 65,8 % der Postorte
Gewerbe, 40.000 kWh 26,3 % der Postorte

Betroffene Stromkunden dürften daher wohl keine Einwände gegen eine größere Transparenz bei der Kalkulation und Genehmigung der Verteilnetzentgelte haben.

Methodik: Alle Preise verstehen sich netto. Betrachtet wurden insgesamt 15.227 Kombinationen aus Postleitzahl, Ort und Netzgebiet (synonym „Postorte“). Durchschnittswerte wurden nach Netzgröße (Anzahl der angeschlossenen Postorte) gewichtet. Der spezifische Kilowattstundenpreis setzt sich zusammen aus den Netzkosten (Arbeitspreis + auf die Jahresarbeit umgelegter Grundpreis) und den Kosten für das Messsystem (Eintarif-Drehstromzähler).

Ansprechpartner

Redaktion

  • Alexander Moll
    Alexander Moll M. A.
  • Sarah Walter
    Sarah Walter M. A.

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